Eine Reise für Europa #FürMiliana

Wer keinen “deutschen” Namen hat, macht sich verdächtig, wenn er bei der Einwanderungs- und Flüchtlingsfrage nicht “deutsche” Positionen und das “deutsche Vaterland” verteidigt. Das riecht nach Interessenkonflikt. Wer nicht die richtige Abstammung hat, sollte sich doch mit seinen öffentlichen Äußerungen zurückhalten. Jedenfalls meinte das eine Kölner Juristin im Disput mit meiner Frau Miliana. Ein Patriot sei der, der sein Vaterland liebt. “Vaterland hingegen ist das Land, wo die eigenen Vorfahren herkommen. Also Bitte beteilige dich an einem Sinti- und/oder Roma-Diskurs. Danke”, schreibt Frau Schmidt, also waschechter germanischer Adel, der im Zuge der Völkerwanderung aus Zentralafrika irgendwann mal in nordische Regionen vorgedrungen ist. Es kommt halt immer auf die zeitliche Einordnung der Vorfahren an. Hier empfehle ich einen Blick in Wikipedia. Was sagt denn der Blut- und Boden-Lehrmeisterin der Name “Gunnar Sohn”? Klingt doch irgendwie ok, um von Frau Schmidt nicht aus dem “Diskurs” über Einwanderung und Flüchtlinge ausgeschlossen zu werden?

Wenn wir schon von Vorfahren sprechen, sollte dabei die Erinnerungskultur nicht fragmentarisch ausfallen. Die Erinnerungskultur muss an die nächste Generation weiter gegeben werden. Meine Großeltern Frieda und Wilhelm Sohn zogen 1932 nach Kuschkow/Spreewald und kauften dort eine Gast- und Landwirtschaft. Hier begann 1935 die Schulzeit meines Vaters. Da mein Opa Jude war, zwang man die Familie Sohn durch Boykottaktionen zum Verkauf des Geschäftes. 1936 zogen die Sohns nach Österreich und eröffneten auf dem Danielsberg in Kärnten eine Hotelpension – den Herkuleshof. Anfang des Jahres 1939 – also kurz nach dem “Anschluss” Österreichs – wurde das Hotel meiner Familie auf dem Wege der sogenannten Arisierung weggenommen und eine Kärntnerin als Eigentümerin eingesetzt. Mein Opa kam in das KZ Dachau – später dann in die “Heil- und Pflegeanstalt der Reichsvereinigung der Juden in Bendorf-Sayn” bei Koblenz. Wer Individuen auf die Zugehörigkeit zu einer Gruppe reduziert, wer Menschen nur über die Einteilung in Kategorien beurteilt und über Namen selektiert, speist eine Ideologie der Abgrenzung und Ausgrenzung. Nur nichts zulassen, um das vorurteilsbeladene Weltbild zu erschüttern. Kritisches Denken ist anstrengend. 

Nationalismus lehrt dich, stolz auf Dinge zu sein, die du nicht vollbracht hast und Menschen zu hassen, die du nicht kennst. Das zählte zum Leitmotiv von Miliana. Etwa bei einer einwöchigen Schiffsreise mit 35 deutschen Touristen. Unsere Erlebnisse an Bord eines inselhüpfenden Dampfers mit Übernachtungsmöglichkeit zeigten wie in einem Brennglas Einsichten in die Lebenswelt des moralisch überlegenen Alltagsrassisten, der ohne mit der Wimper zu zucken von Kanaken und Negern redet, die sein deutsches Leben belasten.

Alles, was das Weltbild in Unruhe versetzen kann, wird als Naivität oder moralistisches Geschwätz abgetan. Und es müsse doch noch erlaubt sein, vom Neger oder Kanaken zu sprechen. Schließlich arbeitet der Alltagsrassist hart für Staat, Volk und Familie und hält den Wohlstand zusammen. Für den Alltagsrassisten ist das Leben recht simpel.

Er entscheidet, wer zu den guten oder schlechten Ausländern zählt. Da gibt es den guten Griechen, den guten Italiener oder den guten Jugo. Alle drei sind prächtige Exemplare im Wahrnehmungskosmos des Alltagsrassisten, mit denen keine Probleme bestehen. Schließlich zählen sie zu den bevorzugten Anlaufstellen, um sich mit scharfen Zwiebeln, Grill-Spezialitäten, gigantischen Pizzen oder Gyros-Komplett-Menüs den rassistischen Wohlstandsbauch anzufuttern. Regelmäßige Pauschalurlaube in der Türkei sind der Beleg für die polyglotte Lebenskunst des Alltagsrassisten.

Die meisten Bediensteten können Deutsch und sind ja nicht zu vergleichen mit den arbeitsfaulen, unberechenbaren, kriminellen und islamistisch-radikalen Kanaken im eigenen Wohnbezirk. Die schleppen doch nur die vom Staat gewährten Leistungen so schnell wie möglich in ihr Heimatland, um den Alltagsrassisten den wohlverdienten Ruhestand zu versauern. Es müsse in Deutschland endlich mal für Recht und Ordnung gesorgt werden, um diesem Gesindel zu zeigen, wo der Hammer hängt. Wer nicht spurt, wird ausgewiesen, da ihm der Alltagsrassist nicht die Gnade gewährt, zu den guten Ausländern gezählt zu werden.

Am laufenden Band erzählt er Horrorgeschichten von bösen Ausländern, die die Bekannte eines Schwagers erlebt hat oder der Freund eines Arbeitskollegen. Alles ganz schrecklich, alles geduldet von einem Staat, der nicht mehr durchgreift, wie früher. Da der Alltagsrassist seine Kontakte auf die guten Ausländer und die Konversation auf das Ablesen der Speisekarte des guten Ausländers beschränkt, reduzieren sich die schrecklichen Geschichten auf Schlagzeilen der „Bild“-Zeitung und die vielen Erzählungen von Bekannten, Verwandten und Freunden, die zur Entourage des Alltagsrassisten zählen.

Aber

Hier findet er die nicht endende Bestätigung seiner politischen Grundhaltung, die Deutschland vor dem Untergang rettet, wenn endlich die von Brüssel gesteuerte politische Klasse abgesägt wird und ordentliches Personal in die Parlamente kommt. Nur so lässt sich das Leben des Alltagsrassisten wieder ins Lot bringen. Info-Agenten im Auftrag der guten Sache. Schließlich darf sich Deutschland nicht abschaffen.

Fragen nach persönlichen Erlebnissen über den bösen Ausländer in den vielen Lebensjahrzehnten des Alltagsrassisten beantwortet der Befragte mit erst mit Schweigen. Nach dreimaligen Luftholen gelingt ihm dann doch noch eine faktenreiche Replik: Er habe schlichtweg Glück gehabt. Auch die Zahl der bösen Ausländer in der eigenen Wohngegend beschränkt sich auf die Finger seiner rechten Hand. „Aber“ seine vielen Verwandten, Bekannten und Freunde seien ja der lebende Beweis für die Untaten des bösen Ausländers. Wie diese Erzählungen von meiner serbischen Frau aufgenommen werden, deren Eltern als „Gastarbeiter“ am deutschen Wirtschaftswunder mitwirkten, kommt dem Alltagsrassisten nicht in den Sinn. „Du bist doch in Deutschland geboren worden und wirkst gar nicht wie eine Ausländerin.“ Im Gedankenkosmos des Alltagsrassisten wird sie zu den guten Ausländern gezählt. Welche Gnade. Was könnte man dem national gesinnten Alltagsrassisten in sein deutsches Stammbuch schreiben?

Nationalismus lehrt Dich, stolz auf Dinge zu sein, die Du nicht vollbracht hast und Menschen zu hassen, die Du nicht kennst. Das wird mich auf der Tour durch Europa begleiten. Ich möchte mit Menschen ins Gespräch kommen, um für die Europa-Idee zu werben – gegen Nationalismus und gegen Rechtspopulismus. Es ist eine Tour #FürMiliana

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